VADA – Verein zur Anregung des dramatischen Appetits
Verein zur Anregung des dramatischen Appetits
Društvo za vzbujanje dramskega apetita
Associazione per il Risveglio dell'Appetito Teatrale
Society for whetting the dramatic appetite
Yulia Izmaylova
Misli k prazniku / Gedanken zum Fest


Festrede, gehalten am 23.10.2026 im Rahmen der zweisprachigen Kulturveranstaltung Dober večer sosed / Guten Abend, Nachbar des SPD Radiše im Kulturhaus Radsberg/Kulturni dom Radiše.
Foto von Yulia Izmaylova am Rednerpult, das mit einer österreichischen Fahne und Schnittblumen geschmückt ist.
Dober večer, sosed! Guten Abend, Nachbar!
Hvala za povabilo, da danes z vami delim nekaj misli o prazniku, o obmejni regiji Koroška/Kärnten in o vejezičnosti enega naroda. To mi je v veliko čast.
Dober večer, sosed, dober večer, soseda!
Ko so me povabili, so mi rekli, naj preprosto spregovorim s svojega zornega kota, kot priseljenka. Zato moram najprej na kratko povedati, kdo sploh sem.
Nadaljevala bom v nemščini.

Danke für die Einladung, hier mit Ihnen ein paar Gedanken zum Fest, zur Grenzregion Kärnten/Koroška und zur Mehrsprachigkeit einer Nation zu teilen. Das ist eine große Ehre für mich.
Guten Abend, Nachbarin, guten Abend, Nachbar!
Als ich gefragt wurde, hieß es, ich solle einfach aus meiner Perspektive als Zugereiste erzählen. Da muss ich zuerst kurz erläutern, wer ich überhaupt bin.
Ich bin Mitte der 80er-Jahre in Moskau, damals UdSSR, geboren und habe bis zu meinem 22. Geburtstag dort gelebt.
Ich wuchs also in einer riesigen Metropole auf. Meine Muttersprache war die Sprache der Mehrheit, die Herrschafts-, Prestige-, und Verkehrssprache. Ich wuchs einsprachig russisch auf.
Und wie wir wissen: Wenn man einer Mehrheit angehört, ist es schon ziemlich einfach, Minderheiten und deren Probleme zu übersehen.
Eines schönen Tages kam ich also in die österreichische Botschaft in Moskau und habe auf eine private Einladung hin ein Visum für drei Monate beantragt. Der österreichische Beamte hat mich wie mir schien etwas verächtlich gemustert und gefragt: "Was wollens bei uns ohne Deutsch?"
Ich habe mich gewundert. Ich konnte Englisch und stellte mir vor, dass ich mich in Europa schon irgendwie verständigen würde.
Und überhaupt, was für eine Frage? Was kann ich denn wollen? Und was geht ihn das an? Was ist das für ein Land, das Sprachkenntnisse verlangt, noch bevor man einreist?
Meine Antwort lautete damals: "Deutsch kann ich lernen."
Daraufhin hat er mir statt der beantragten 90 Tage nur 30 genehmigt!
In diesen 30 Tagen im Oktober 2006 hatte ich schon meine erste Begegnung mit der Kärntner Geschichte, mit der Zweisprachigkeit und dem Konfliktpotenzial einer Grenzregion.
Mit meinem Partner Felix Strasser kreierten wir damals kurzerhand eine kleine Show, eine Farce: "Dr. Caranthanus Oktobermanipulation" (UA 10.10.2006 in Villach). In diesem Stück verwandelte Doktor Georgius Noricus Caranthanus eine wilde sibirische Olga, die keine richtige Sprache konnte, außer irgendwas Slawisches, in eine echte Deutschkärntnerin namens Eva. Was Olga dafür durchmachen musste, werde ich jetzt nicht schildern. Nur so viel: Sie musste letztendlich alles vergessen, verlernen, verleugnen, was sie war.
Sie hat sich nicht integriert, sondern in Einsprachigkeit aufgelöst.

In Kärnten/Koroška angekommen, sah ich zunächst eine wunderschöne Märchenlandschaft und eine mehr oder weniger unbeschwerte Gesellschaft. Neu war für mich das Traditionsbewusstsein hier. Die gelebte Folklore, die in Moskau längst verloren gegangen war. Dazu gehörten natürlich die Kärntner Anzüge und die Dirndln, die Kärntner Lieder, aber auch zum Beispiel das Polentafest in Nötsch oder die feierliche Segnung der neuen Wasserpumpe der Freiwilligen Feuerwehr in Radnig.
Ein Kulturschock.
Natürlich hörte ich gebannt den Sprachen und den Liedern zu. Und natürlich fiel mir das Slawische auf. Da war mir klar: Ich kann hier nicht nur Deutsch, sondern auch Slowenisch lernen.
Als slawische Muttersprachlerin habe ich die Gegend hier bald als slawisch geprägt erkannt.
Radnig, Dobratsch, Golz, Traunig – diese Namen begegneten mir im Gailtal.
Ein einheimischer Bauer fragte mich einmal, warum ich zum Teufel Slowenisch lerne.
Ich habe gesagt: "Weil das auch eine Kärntner Sprache ist. Ich bin hergezogen und möchte das Land kennenlernen, nicht nur einen Teil davon."
Er hat sich geärgert. Hier sei doch alles deutsch.
Daraufhin ich: "Aber schau, dein Hausberg heißt Golz. Und der Hügel, auf dem mein Haus steht, heißt Traunig. Ist das Deutsch?"
"Ja."
"Bedeuten die Worte etwas?"
"Nein."
Ich sagte: "Für mich liegt der slawische Ursprung nahe. Golz / Golec bedeutet nackt, weil der Berg da aussieht wie ein kahler Kopf. Traunig kommt vielleicht von trava – Grashügel. Mir sagen diese Worte etwas, und sie sind genauso Teil dieses Landes."
Der Bauer fand die Information zwar interessant. Gesagt hat er aber nur: "Slawen sind diebisch. Man soll lieber Italienisch lernen, du Tschriasche..."

Ich war sofort zutiefst beeindruckt von der Kunstwelt der Kärntner Slowen*innen! Das ist ein ganzes Universum, das leider immer noch irgendwie parallel zur deutschsprachigen Kultur existiert. Zweisprachiges Theater, Radio, Medien, Schulwesen, Literatur. Das ist ein enormer Reichtum Kärntens. Und doch kann das alles an einem vorbeigehen. Weil Leute Angst davor haben, auch nur ein Wort nicht zu verstehen. Und manchmal scheint es mir, Leute haben Angst, auch nur ein neues Wort zu lernen.
Seit 20 Jahren mache ich Theater in Kärnten. In diesen 20 Jahren waren meine absoluten Highlights in der darstellenden Kunst Arbeiten von Marjan Štikar und Alenka Hain. Und ihre Arbeit ist auch für nicht slowenischsprechende absolut zugänglich!
Wenn man für das Slowenische nicht offen ist, entgeht einem schon sehr viel in diesem Land.
Meine größte Überraschung war nicht, dass es diese slowenische kulturelle Welt gibt. Sondern dass so viele Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, kaum etwas von ihr wissen.
Warum?
Beim Schulstoff läuft vielleicht etwas falsch. Die Heimatkunde wird in den deutschsprachigen Schulen vielleicht unzureichend vermittelt. Von den römischen Siedlungen hier in Kärnten lernt man in der Schule alle Namen. Von der Geschichte, Sprache, Kultur und Topografie der Kärntner Slowen*innen – offenbar nichts. Es sei denn, man entscheidet sich bewusst fUr eine slowenische Schule. Aber auf die Idee kommt man auch erst, wenn man bereits ein gewisses Grundwissen besitzt.
Warum wird an den Schulen kein Grundwissen über Sprachfamilien, Sprachverwandtschaft und Sprachkontakt vermittelt? Kein Grundwissen darüber, dass Sprachen sich nicht an nationale Grenzen halten? Weltweit gesehen stellen einsprachige Menschen eine Minderheit dar.
Schade, wenn aus politischen Gründen, für politisches Kleingeld, ein kultureller Reichtum verschwiegen wird.
Schade, wenn sich der Kärntner Tourismus dieses Alleinstellungsmerkmal nicht ganz groß auf die Fahne schreibt.
Und schön, dass es solche wichtigen und visionären Initiativen gibt wie dieses Fest.
Jedenfalls ist mein Standpunkt als Zugereiste folgender: Gerade die slawische Geschichte, der slawische Einfluss machen Kärnten einzigartig und interessant.
Nicht die Nähe zu Italien. Dafür fährt man eben dorthin. Nicht das Bayerische. Bayern gibt es schon.
Sondern gerade die Mischung, die das Kärntnerische ausmacht.

Zum Schluss eine kurze Geschichte aus dem Leben:
Ein älterer Student, ein deutschsprachiger Kärntner, saß in einem Kurs an der Slawistik. Es ging um die Kärntner Slowen*innen, um die slawischen Wurzeln der Kärntner Ortsnamen. Darum, was diese Namen ursprünglich bedeuteten, bevor sie eingedeutscht wurden.
Irgendwann fing der Mann zu weinen an, weil ihm das alles zu viel geworden war.
Es war zu überwältigend.
Er hatte hier sein ganzes Leben verbracht, und dieses Wissen war ihm vorenthalten worden.
Erst im höheren Alter tat sich ihm eine ganze Welt auf!
Eine Welt, die er gerne schon früher kennengelernt hätte.

Hvala za pozornost in želim vam lep večer!
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